Interview zum Thema Trends und Entwicklungen im Webdesign

Vor wenigen Tagen gab ich ein zweiteiliges Interview für den FachBlog PIXELPIPE.de zum Thema „Trends und Entwicklungen im Webdesign“. Hier ist das Interview in voller Länge:

Rostislav Zotin

Rostislav Zotin, geboren 1976 in der Ukraine, machte seine ersten Erfahrungen im Programmieren (Basic) schon im Jahre 1984 – auf der Arbeit seiner Eltern in Kiev. Später programmierte Zotin auch in Deutschland am eigenen C64 und 286er, den er sich mit 15 Jahren mit Hilfe von Softwareübersetzung verdient hatte. Als Student der Medientechnik mit Schwerpunkt ‚Internettechnologien‘ entwickelt Rusty, wie ihn alle seine Kollegen und Freunde heute nennen, im Rahmen seiner Diplomarbeit Webanwendungen für seinen künftigen Arbeitgeber: MTV Networks. Nebenbei konzipiert und programmiert er E-Commerce Lösungen in PHP, um sein Studium zu finanzieren. Nach seinem abgeschlossenen Studium arbeitet Rostislav Zotin als Online Producer, Senior Online Producer und seit 2007 als Senior Manager Interactive Operations für die Musiksender MTV und VIVA in Berlin. Mit uns hat er über Entwicklungen und Trends im Webdesign gesprochen:

Redaktion: Die Entwicklung im Bereich Webdesign in den letzten Jahren verlief ziemlich rasant. Zunehmend spielen audiovisuelle Elemente eine Rolle. Geht der Trend nun verstärkt in diese Richtung?

R. Zotin: Rasant ist fast schon untertrieben, oder hätte jemand vor 2-3 Jahren geglaubt, z.B. Youtube auch tatsächlich ‚unterwegs‘ genießen zu können? Die Bandbreite, die dem Konsumenten zur Verfügung steht, wächst stetig und veranlasst uns alle natürlich immer mehr, von diesen Elementen Gebrauch zu machen.

Die Steigerung der Reichweite und der momentanen Aufmerksamkeit ist für viele Webseitenbetreiber zur täglichen Hauptaufgabe geworden. Das spiegelt sich natürlich auch in den Trends des Webdesigns wider. Zunehmend sehen beliebte und insbesondere neue Webseiten (sog. Start-Ups) aufgeräumter aus. Die Zeit, die ein Besucher durchschnittlich auf einer Seite sozusagen „im Vorbeischauen” schenkt, beschränkt sich nur auf wenige Sekunden. Schafft man es nicht mittels eigenen Webdesigns, den typischen Besucher seiner Zielgruppe in diesen 2-3 Sekunden zu überzeugen, ist dieser weg und kommt möglicherweise auch nicht so schnell wieder zurück. Wenn man jedoch audiovisuelle Elemente gekonnt einsetzt und den Besucher begeistern kann, ist ein Erfolg zumindest für kurze Zeit beinahe garantiert. Hier kommt dann noch hinzu, dass die Verbreitung je nach Thema zunehmend auch mittels Socialmarketing (digg, reddit, twitter, facebook usw.) erfolgt. Dann bleibt nur noch die Aufgabe, den Benutzer lange auf der Seite zu behalten und ihn zu überzeugen, möglichst bald wieder zu kommen (Stickyness).

Redaktion: Welche technischen Möglichkeiten gibt es heute, die in den letzten Jahren noch kaum denkbar waren?

R. Zotin: Diverse ausgereifte Opensource Frameworks machen bei richtiger Anwendung den Webentwicklern das Leben nun erheblich leichter. Wer vor wenigen Jahren noch im Internet Explorer den größten CSS-Feind sah, seine ausklappbaren Javascript-Menüs sich irgendwo zusammengeklaut hat, seine Flashanimationen in mühevoller Kleinarbeit Frame für Frame erschaffen hat und froh darüber war endlich die richtige Stelle im Spaghetti Code seiner eigenen Webanwendung gefunden zu haben, benutzt heute YAML, Mootools, Tweener, CakePHP – um nur wenige dieser wunderbaren Werkzeuge zu nennen. Die Entwicklungszeiten haben sich hierdurch drastisch reduziert.

Redaktion: Welche technischen Weiterentwicklungen kann man jetzt schon voraussagen, was wird in den kommenden Jahren im Webdesign noch möglich sein?

R. Zotin: Natürlich hängt hier sehr viel von den Tools ab, mit welchen man arbeitet. Je besser das Werkzeug, desto besser auch das Ergebnis. Mit Tools meine ich aber nicht ausschließlich die Grafikprogramme, die auch mal einen HTML-Schnipsel ausspucken können oder HTML-Editoren, die ein schönes Highlighting haben. Die Entwicklung solcher zum größten Teil frei verfügbarer Tools, wie der bereits zuvor genannten Frameworks, ist so rasant, dass ich nicht zu sagen wage, was bereits in einem Jahr alles möglich sein wird. 360° Seiten, also solche, die nicht nur in allen gängigen Browsern anständig funktionieren, sondern auch alternative Darstellungen anbieten – z.B. für das iPhone oder andere mobile Endgeräten und demnächst gewiss auch für Flachbildfernseher. Die Herausforderung, eine tatsächlich runde und funktionierende 360° Präsenz zu erschaffen, ist heute noch recht aufwändig und teuer. Doch dank fortschrittlicher Opensource Lösungen wird auch diese Hürde schon bald genommen sein. Da bin ich mir sicher.

Redaktion: Welche Entwicklung wird das Webdesign in puncto Optik und Gestaltung nehmen?

R. Zotin: Das kann man nicht sagen, denn Webdesign wird sich stets in alle Richtungen weiterentwickeln – das ist ja das Schöne daran! Immer wieder erlebe ich Überraschungen, was die Gestaltung angeht. Hinter einem erfolgreichen Design steht immer ein gutes Designkonzept. Ob dieses nun steril, urban, technisch, verschnörkelt, rund oder eckig ist – es kommt ganz auf das zu behandelnde Thema auf der jeweiligen Seite an. Die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden – und das ist auch gut so!

Redaktion: Nun findet man neben den aufwändig programmierten Seiten in gleicher Weise eher minimalistisch gestaltete Websites, die nicht weniger gefallen. Was sind die Kriterien für eine aufwendig gestaltete oder eine eher schlicht gestaltete Website?

R. Zotin: Grundsätzlich besteht natürlich ein großer Unterschied zwischen aufwändig programmiert und aufwändig gestaltet. Eine sehr aufwändig programmierte Webseite muss nicht zwangsläufig aufwändig gestaltet sein und vice versa. Ich würde sogar behaupten, dass diese beiden Größen in den meisten Fällen im Gegensatz zueinander stehen. Alles hängt von den Zielen ab, die eine Seite verfolgt, Funktionen, die sie bietet und der Zielgruppe, die sie anspricht.

Die Kriterien könnte man zum Beispiel so definieren: Soll eine kurzlebige Seite entstehen, die ein Ereignis, Kinofilm oder ähnliches präsentieren soll, kann man sich an der Gestaltung austoben und auch öfter zu Flash greifen, denn hier gilt es den Besucher einmalig zu beeindrucken und die wenigen Informationen so schmackhaft wie nur möglich zu präsentieren. Bilder und Videos spielen hier eine sehr zentrale Rolle. Die Programmierung einer solchen Seite nimmt meist deutlich weniger Zeit in Anspruch.

Anders verhält es sich, wenn eine Seite konzipiert wird, die größere Massen ansprechen soll und den Besucher animieren soll möglichst oft wieder zu kommen. Gestaltung ist hier natürlich nicht weniger wichtig, doch wirkt eine Seite, die in diesem Segment erfolgreich ist, viel aufgeräumter und auf Flashelemente wird hier z.B. oft komplett verzichtet. Search Engine Optimization, kurz SEO*, ist das magische Wort, das als Aufgabe beim Entwickeln stets beachtet werden sollte.

Eine tatsächlich minimalistisch gestaltete Webseite hat einen ähnlichen Effekt wie eine sehr aufwändig gestaltete, es sei denn dahinter verbirgt sich eine sehr starke und nützliche Funktionalität, wie bei google.com oder search.twitter.com, dann ist der gewählte Stil absolut der richtige. Ich möchte an dieser Stelle sogar behaupten, dass Google aufgrund seiner minimalistischen Gestaltung und der Konzentration auf die Hauptaufgabe – die Suchfunktionalität – die Konkurrenten Microsoft (live.com) und Yahoo abgehängt hat.

Redaktion: Interaktion mit den Rezipienten nimmt eine immer größere Bedeutung ein. Welche Tools bieten sich hier besonders für Websites an?

R. Zotin: Dienstleistung oder Service als Interaktion auf der Seite wird immer beliebter, da Internet als Marktplatz für alle Branchen immer wichtiger wird. Also wird auch bei kommerziellen Anbietern, wie z.B. bei Fluggesellschaften oder anderen internetunabhängigen Dienstleistern der Service ins Internet verlagert. Immer öfter findet man kostenlose Service-Chaträume direkt auf den Webseiten. Opensource Projekte bieten das schon längere Zeit, in den sog. IRC Chaträumen an.

Privatpersonen und Kleinunternehmer geben gern auch Ihre ICQ, Skype und sonstige Messenger Nummern an, um im direkten Kontakt zu den Interessenten zu stehen. Twitter gewinnt immer mehr an Bedeutung. Insbesondere als Informationskanal mit der Möglichkeit, sofort einen direkten Rückdraht zu den „Zuhörern“ zu haben. Wer heute Schritt mit der Entwicklung des Informationszeitalters halten möchte, twittert – egal was man für eine Aufgabe im Privat- oder Berufsleben hat. Natürlich steht hierbei die Person, nicht die Webseite, im Vordergrund, doch der Trend geht momentan genau dahin. Tipp: getwittert wird regelmäßig von Applikationen, die man sich ausgesucht hat, oder vom Handy aus. Im seltensten Fällen wird die Seite twitter.com selbst benutzt. Ich bevorzuge EventBox auf dem Mac, Twitterfox Add-On für Firefox auf PC und unterwegs einfach die Seite m.twitter.com im Browser meines Smartphones.

Redaktion: Ein zunehmend stärker in den Fokus von Webseiten-Betreibern rückendes Thema ist die Suchmaschinenoptimierung. Flashanimierte Webseiten werden jedoch bei Google vergleichsweise schlecht gerankt und folglich werden Webdesigner, die stärker Flash einbinden wollen, eher in ihrer Arbeit gehemmt. Was muss sich hier zukünftig ändern?

R. Zotin: Suchmaschinenoptimierung ist sehr wichtig. Was nützt eine Seite, auf die man nicht trifft, weil sie nicht gut oder gar nicht in den Suchergebissen gelistet ist? Zumindest Google hat aber, was die Indizierung von Flashsites angeht, in letzter Zeit sehr große Fortschritte gemacht. Alle Texte innerhalb des Flashfilms sollten nun für Google-Crawler sichtbar sein, vorausgesetzt die Flashelemente sind direkt in HTML eingebunden (via <object> & <embed> TAGs), mit Javascript Anbindung, also z.B. über die SWF-Object Klasse scheint es leider noch nicht wirklich gut zu klappen. Ist die Indizierung gelungen, geschieht sie jedoch ohne Gewichtung des Inhalts, so dass es natürlich suboptimal bleibt und von Flashelementen mit wichtigen Inhalten weiterhin stark abgeraten wird. Bald wird es gewiss bestimmte Standards geben, die man zu beachten hat, um seine Inhalte vergleichbar mit XHTML gewichtet indizieren zu lassen.

Redaktion: Ein großes Thema ist immer wieder die Usability von Webseiten. Gerade ältere, aber auch z.B. sehbehinderte Menschen stoßen häufig auf Barrieren bei der Webführung. Wie müssen sich Websites künftig entwickeln, damit die Usability auch für weniger internetaffine Menschen verbessert wird?

R. Zotin: Barrierefreies Webdesign ist nicht neu. Man muss bedenken, dass es mehrere Gruppen von Menschen gibt, die auf unterschiedliche Instrumente zugreifen. Es gibt Software, die Webseiten vorliest oder Texte in ertastbare Blindenschrift umwandelt. Um barrierefreie Webseiten zu entwickeln, benötigt man nicht viel mehr, als man schon weiß, wenn man ein richtiger Webdesigner oder Webprogrammierer ist. Sich an die Standards zu halten ist das erste Gebot, was ohnehin schon gilt. Nur weil meine Seite in meinem Lieblingsbrowser gut ausschaut, heißt es nicht, dass diese auch standardgerecht programmiert ist. Diverse Validatoren, die u.a www.w3c.org selbst anbietet, helfen hier enorm weiter (HTML/XHTML/CSS). Den einen weiteren Schritt bis zu einer tatsächlich barrierefreien Seite muss man aber selbst gehen. Es sind nur eine Handvoll Regeln, die man verinnerlichen und anwenden muss, um hier erfolgreich zu sein. Tutorials zum barrierefreien Webdesign „ergoogeln“ Sie sich bitte selbst, denn in so einem dynamischen Zeitalter wäre es nicht angebracht, auf statische Links zu verweisen ;)

Weniger internetaffine Menschen sind nicht zwingend körperlich eingeschränkt und umgekehrt. Meine Mutter hat Computer und Internet erst mit 63 Jahren kennengelernt, surft jetzt seit fast einem Jahr nahezu täglich und verbringt im Netz meinen Befürchtungen nach sogar mehr Zeit als ich. Ist sie nun internetaffin?

Beim Webdesign wie auch allgemein im Design, muss pingeligst auf die Kommunikation geachtet werden. Ein Link muss als ein Link erkennbar sein, ein Button als ein Button. Die Schriftgröße sollte vertretbar sein – genauso wie der Kontrast zwischen der Schrift und seinem Hintergrund. Ein horizontaler Scrollbalken ist genauso eine Sünde (egal bei welcher Bildauflösung!), wie wechselnde Position der Navigation. An die Userführung sollte unbedingt gedacht werden. Was macht der Besucher, wenn er auf einer fast leeren Unterseite angekommen ist, auf der keine weiterführende internen Links mehr sind? Ja, ein internetaffiner Besucher, der interessiert ist, klickt womöglich im Browser auf „Zurück“, macht eine entsprechende Mausgeste oder drückt auf der Tastatur schnell den „Back-Button“. Aber wenn Sie ihn bis zu dieser Stelle noch nicht überzeugen konnten und ihm den weiteren Weg nicht „aufzeigen“? Er schließt die Seite, versprochen!

Neue Konzepte der Userführung sind schwer durchzusetzen. Selbst der Facebook-Riese kämpfte vor Kurzem mit Millionen eigener Nutzer, die vom einem oder anderen Redesign der Seite und der Userführung, absolut empört waren. Aber im kalifornischen Palo Alto sitzen keine Amateure. Binnen weniger Minuten haben die meisten Benutzer die neue Idee und die Effizienzsteigung dahinter verstanden und sich damit prompt angefreundet. Solche Experimente darf man sich aber auch nur dann erlauben, wenn man genau weiß, was man tut und auf einige unflexible Schreihälse sowieso gut verzichten kann. Natürlich dürfen wir auch nicht vergessen, wie zügig sich z.B. die Touchscreens verbreiten. Die Webentwicklung für iPhone brachte Webkit ganz groß heraus. Auf dieser Basis werden derzeit viele Browser für unterschiedliche mobile Endgeräte entwickelt. Bleibt also nur abzuwarten, was demnächst die neue Hardware von Mobiltelefonen, PDAs, Smartphones aber auch Flachbildfernseher mit eingebautem Rückkanal uns alles bieten werden. Wir werden unsere Webseiten schon überall drauf bekommen!

* SEO: Search Engine Optimisation, Suchmaschinenoptimierung. Dahinter verbirgt sich die Wissenschaft die Inhalte so optimal im (X)HTML Code unterzubringen, damit die sog. Spider bzw. Crawler der Suchmaschinen, die Ihre Seite hin und wieder besuchen, diese genau so absuchen, indizieren und später in ihren Suchergebnissen möglichst so darstellen, wie Sie sich das als Webseiten-Betreiber wünschen.

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